Wohnungsscheiße
Wohnungsscheiße — Nachdem ich einen wunderbaren Spiegel-Artikel über die Wohnungssuche in Madrid gelesen habe und mich über die Dummheit bezeichneter ERASMUS-Studentin Franziska gewundert habe, für die Google-Maps eine Unbekannte zu sein scheint, kann ich meine Wohnungsgeschichten auch nicht mehr für mich behalten. Vielleicht war ich auch ein bisschen dumm oder ich hatte einfach nur Pech – am Anfang. Angekommen bin ich in Madrid am 5. Oktober dieses Jahres, ein bisschen spät für einen ERASMUS-Student. Auf den Sprachkurs habe ich verzichtet, weil ich, wie hier berichtet, in Südamerika unterwegs war (sprachlich bringt einen das in Spanien jedoch wenig weiter).
Natürlich war ich naiv genug zu glauben, in zwei bis drei Tagen (höchstens) eine Wohnung finden zu können. Also ab ins nächstbeste Backpacker-Hostel und Internet angemacht. Als ich dann so um mich sah, bemerkte ich, dass ungefähr 50 % der Hostel-Bewohner die gleichen Internetseiten besuchen wie ich und man fing an zu überlegen ob es nicht besser wäre eine ganze Wohnung, anstatt eines einzelnen WG-Zimmers zu suchen. Für mich persönlich stellte sich das dann aber bald als zu unverläslich heraus und ich suchte weiterhin auf meine eigene Rechnung („a mi cuenta“).
Das erste Problem, dass sich dabei ergab, ist, dass ich zunächst nicht mit den Sucheingaben auf den spanischen Internetseiten zurechtgekommen bin (spanische Internetseiten sind für meine deutschen Augen sowieso total unübersichtlich). Nachdem man sich dann, zweitens, durch Kontakt- und Sexanzeigen zu tatsächlichen Wohnungen durchgewühlt hat, versucht man das Gelesene zu verstehen oder zu übersetzen. Spanisches Wohnungsanzeigenvokabular ist für meine Ansprüche leider etwas zu gruselig: „Recht auf Küche und Wohnzimmer“, „nur für sauberes Mädchen“ oder „nur für schwulen Jungen“ sind nur einige der übersetzten Beispiele, die zum Nachdenken anregen. Wenn man der Anzeige ein Mindestmaß an Vertrauen schenkt, kann man anrufen. Am Anfang habe ich den Fehler gemacht, viel zu wenig am Telefon zu fragen und habe deswegen Stunden in meiner heißgeliebten Metro de Madrid verbracht. Also lieber vorher abklären wie teuer das dann wirklich ist, wer dort wohnt, ob das Zimmer ein Fenster hat oder der Mitbewohner doch mit etwas anderem als mit Geld bezahlt werden will.
Wenn man dann die ersten Wohnung angeschaut hat, ist man meistens sehr erschreckt (als Student mit doch einigen Ansprüchen, der gerade seine alte Lieblings-WG verlassen musste). Man kann aber die Erfahrungen nutzen um spanische Wohnungen, Menschen, Verhältnisse und Kultureigenheiten kennenzulernen. Der Unterschied zwischen „Exterior“ und „Interior“ besteht zum Beispiel darin, dass man bei Exterior ein Zimmer zur Straße oder zur echten Sonne erwischt hat (kann aber auch sehr laut sein), Interior hingegen auf weniger Lichteinfall hindeutet: In meinem Fall hatte ich das Glück ein Fenster in einen fünf Quadratmeter großen Innenhof zu bekommen, aus dem Erdgeschoss unten riecht es nach Tapas-Bar, spezialisiert auf Fisch-Tapas (hmm). Im Sommer ist das wahnsinnig praktisch, denn wo keine Sonne ist, ist auch weniger Hitze (in Kombination mit Fischöl wäre das auch kaum auszuhalten). Witzigerweise stört es auch keinen Spanier, wenn man im spärlichen Innenhof direkt ins Bad gegenüber schauen kann, Freunde werden vielleicht aber auch nach Jahren noch nicht nach Hause eingeladen.
Letztendlich konnte ich also nach einer Woche suchen und einer weiteren Woche warten bis der Vormieter auszieht, mein kleines Acht-Quadratmeter-Reich mitten in einem der reichsten Viertel und wahnsinnig weit weg von meiner Uni für nur 390 Euro Kaltmiete beziehen. Klar kam es mir am Anfang komisch vor, dass ich Louis Vuitton zu Fuß erreichen kann und sich meine Mitbewohnerinnen (beides Spanierinnen) eher wenig für mein Leben interessieren, aber ich dachte mir, dass mit den Mitbewohnerinnen wird sich schon aufwärmen und Louis Vuitton kann ich mir sowieso nicht leisten.
Vorletzten Donnerstag, mein Bruder und seine Freundin Antje waren gerade zu Besuch, erhielt ich dann einen Anruf. Meine Mitbewohnerin sagt: Manuel, wo bist Du denn, wir würden gerne mit Dir reden. Noch bevor ich abhob dachte ich mir: Wow, vielleicht möchten sie wirklich mit mir mal was trinken gehen und vielleicht meinen Bruder kennenlernen. Nachdem sie mir jedoch eröffneten, dass sie eine neue, bessere, billigere, zentralere Wohnung – leider nur für zwei – gefunden haben, wusste ich, dass das nie passieren wird. Die Situation verkomplizierte sich natürlich als mir mitgeteilt wurde, dass ich der sechste Mitbewohner in anderthalb Jahren bin, alle es satt haben, auch der Vermieter und ich deswegen die Wohnung auch verlassen muss. Bin ich daran schuld? Nein. Habe ich einen achtmonatigen Mietvertrag unterschrieben und bis Ende Dezember bezahlt? Ja.
Gut war auf jeden Fall, dass ich dann bald nochmal mit meinen Mitbewohnerinnen gesprochen habe: Die Woche darauf hat sich nämlich herausgestellt, dass sie Nachmieter für die ganze Wohnung schon ab Mitte Dezember gefunden haben. Tja, da hatten wohl alle schon eine tolle Wohnung außer mir.
Natürlich hatte ich langsam auch die Schnauze voll und wollte auch aus dieser Unglückswohnung raus. Verständlich. Ich hatte ja schon ein Ass im Ärmel: Ich wusste welche Internetseiten man besuchen muss und wie man sie bedient. Und da ich ja kurz vor Weihnachten nichts besseres zu tun hatte, habe ich mal wieder einen längeren Besuch bei meinem zweitbesten Freund (nach Google-Maps), nämlich der Metro de Madrid gemacht.
Und dann ruft ein Engel an: Manuel, eine Freundin von mir hat ein Zimmer frei, schau doch da mal vorbei. Und ich hatte in einem Tag ein Zimmer, ein gutes Gefühl und zweite neue nette Leute kennengelernt. Die beiden waren sogar so nett, dass sie sich gleich mit mir über meine doofen alten Mitbewohnerinnen aufgeregt haben: Die eine, die sich über immer wieder Fremde in ihrem Haus beschwert, aber mich nicht kennen lernen will; die andere, die dann am Schluss auch noch anfängt mit mir über die Höhe der Kaution und des Mietanteils zu diskutieren, den sie mir zurückgeben muss (halber Monat, halbe Miete oder?). Irgendwie hatten die in ihrem Umzugsstress, ihrem Mikrowellenfraß und ihren Hautproblemen eben mal vergessen, dass sie dank mir überhaupt irgendeinen Mietanteil im Dezember zurückbekommen haben und ich sogar noch so verständnisvoll bin und helfe die Wohnung schön zu putzen für die Schlüsselübergabe. Achja und die Vorwürfe, ich würde ja nur bis Februar bleiben und sie hätten ja gar keine andere Wahl (also das ganze Problem sei meine Schuld), die haben das ganze dann noch abgerundet.
Wenn es ein Google-Mitbewohner gäbe, mit dem man ein paar Eigenschaften seiner zukünftigen Kühlschrankmitbenutzer herausfinden könnte – ich würde es auf jeden Fall auch an Franziska weiterempfehlen. Wenn man es genau nimmt hatte Franziska eigentlich noch Glück: Dadurch dass sie gleich ein Zimmer hatte, konnte sie sich eine Menge Hotelkosten ersparen. Der durchschnittliche Zeitraum meiner damaligen Mitsuchenden, bis sie eine Wohnung finden und beziehen konnten, liegt bei vier bis sechs Wochen.

kommt mir alles sehr bekannt vor irgendwie. meine wohnung ist zwar nicht gerade luxus und gesundheitlich bedenklich, aber wenigstens hab ich noch ein bisschen was von dem erasmus zuschuss behalten können…